Noch keine Gleichberechtigung

Festakt zu „10 Jahren Gleichstellung in Sachsen“

Über 200 Sächsinnen feierten gestern in Dresden zehn Jahre Gleichstellung im Freistaat – doch nicht alle waren zufrieden. Gleichstellungspolitik darf nicht allein Frauensache sein. Das forderte Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf zur Festveranstaltung „10 Jahre Gleichstellungspolitik in Sachsen“. In der Dresdner Dreikönigskirche waren dazu gestern über 200 geladene, meist weibliche Gäste erschienen. Nach dem Programm „Weiber (P16)“ des Leipziger Kabaretts „Academixer“ ergriff Christine Weber das Wort. „Die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern haben wir erreicht“, sagte die sächsische Gleichstellungsministerin, „aber von der tatsächlichen Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind wir doch noch ein gutes Stück entfernt.“ Staatsministerin Weber betonte die Vorreiter-Rolle Sachsens: Der Freistaat sei das einzige Land mit einer Gleichstellungsbeauftragten im Minister-Rang. Trotzdem sei die Gleichstellung von Frau und Mann Querschnittsaufgabe in allen Regierungsressorts. Die Reden wurden mit eher durchschnittlichem Applaus bedacht, die Zuschauerinnen tuschelten ihren Widerspruch höchstens. „Ich denke, Gleichstellung ist Querschnittsaufgabe“, unkte eine Zuschauerin, als Ministerpräsident Biedenkopf über neue Aufgaben der Gleichstellungsministerin sprach. Manche Zuschauerin wartete die anschließende Diskussionsrunde mit „Frauen(politikerinnen) der ersten Stunde“ gar nicht ab. So stürmte Cornelia Ernst, stellvertretende sächsische PDS-Chefin, lästernd aus dem Saal. „Grundsätzlich ist es in Ordnung, dass eine solche Veranstaltung stattfindet“, sagte die Frauenpolitikerin, die als mögliche sächsische PDS-Chefin im Gespräch ist. Staatsministerin Weber habe zu wenig zur heutigen Situation der Frauen gesagt, lieber zur DDR-Zeit gesprochen: „Aktuelle Probleme wurden nicht benannt.“ Auch mit der Rede des Ministerpräsidenten war Cornelia Ernst nicht zufrieden: „Er hat den ökonomischen und demographischen Wert der Frau zu sehr in den Vordergrund gerückt.“ Die Ausführungen Biedenkopfs erschienen ihr zu halbherzig: „Der Ministerpräsident müsste die Gleichstellung zur Chef-Sache machen. Es geht nicht von allein – auch nicht mit einer Gleichstellungsministerin.“  

Datum: 
Thursday, November 30, 2000

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